Vulgärlatein: Schriftliche Quellen

Die folgenden Quellen des Vulgärlateins sind für die Erforschung des Vulgärlateins besonders wichtig:

1.

Im Satyricon (von Petron, gest. 66 n. Chr.), einem realistischen Roman, ist vor allem die Cena Trimalchionis von Bedeutung, in denen Petron vulgärlateinische Elemente zur Personencharakterisierung benutzt:

Der Gastgeber Trimalchio ist ein Emporkömmling, ein freigelassener Großschieber, an dessen Tisch sich eine ziemlich ordinäre Gesellschaft versammelt, deren Latein immer vulgärer wird, je betrunkener die Gäste werden.

2.

Die Graffiti von Pompeji, die durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. verschüttet und so für die Nachwelt erhalten wurden, sind das getreueste Abbild der gesprochenen Sprache, das uns überliefert ist, weil sich in ihnen einerseits der Alltag und die Alltagssprache einer Provinzstadt spiegelt und hier auch völlig ungeübte Schreiber am Werk waren, die die klassische Norm weder beherrschten noch anstrebten.

Beispiel: Comicius Restitutus cum fratre ic (statt hic) stetit.
- Hier stand C.R. mit seinem Bruder
(hier erkennt man auch die Herkunft des späteren frz. "ici")

In den Graffiti von Pompeji zeigen sich deutliche Anzeichen für den Verfall des lat. Kasussystems, also den Wegfal der Flexion. Wie z.B. der Ersatz des Ablativs durch den Akkusativ nach bestimmten Präpositionen

cum iumentum statt jumento

oder die Verwechslung von Ablativ (zur Angabe eines Ortes) und Akkusativ (zur Angabe einer Bewegungsrichtung):

in conventu veni statt in conventum

3.

Aus dem Jahr 115 n. Chr. stammt eine sehr wichtige Quelle: Mehrere auf Papyrus geschriebene Briefe eines einfachen Soldaten aus Ägypten, Claudius Terentianus, der wahrscheinlich aus Norditalien oder Gallien stammte und aus Alexandria an seinen Vater schreibt, und ein Brief des Vaters an seinen Befehlshaber.

Diese Briefe bezeugen ein bereits fortgeschrittenes Stadium der Entwicklung des Vulgärlateins:

Misi tibi, pater, per Martialem imboluclum concosutum in quo habes amicla par unu, amictoria par unu, sabana par unu, saccos par unu, glabalum ligni. Emeram aute illuc con culcitam et pulbino, et me iacentem in liburna sublata mi sunt.
Et abes in imboluclum amictorium singlare, hunc tibi mater mea misit. Et accipias caveam gallinaria in qua habes sunthesis vitriae et phialas quinarias par unu et calices paria sex.

Ich habe dir geschickt, Vater, durch Martial, ein versiegeltes Paket, in dem du ein Paar Mäntel hast, ein Paar Halstücher, ein Paar Leinentücher (Handtücher), ein Paar Säcke, ein Feldbett aus Holz. Ich hatte es mit Matratze und Kissen gekauft, und während ich auf dem Schiff schlief, hat man sie mir gestohlen.
Und in dem Paket hast du auch einen dünnen Mantel, den schickt Dir meine Mutter. Und du empfängst einen Hühnerkäfig, darin ist ein Service (Tassen) aus Glas und ein Paar Flaschen von fünf Maß, und sechs Paar Gläser.

Hier ist nun das Kasussystem noch ein deutliches Stück weiter „aufgeweicht“. Die Akkusative werden zwar noch geschrieben, aber nicht immer: So dann nicht, wenn sie aufgrund der Appositionen überflüssig sind: par unu und bei caveam gallinaria.

Zu beachten ist auch der Gebrauch des Akkusativs statt des Ablativs:

con culcitam, me iacentem, in imboluclum.

In der Zeit vom 1. zum 2. Jh. wird der Ablativ (einfacher Ablativ und Ablativ nach Präpositionen) völlig vom Akkusativ verdrängt. Lautlich fallen die beiden Kasus ohnehin in den meisten Fällen zusammen (s.u.).

In den Papyri ist auch die Form illei (Dativ fem.) zum ersten Mal belegt, die in ital. lei weiterlebt.

Für Interessierte: ein weiteres schönes Beispiel

Und zur Vertiefung: ein umfangreiches Werk