Faire Preise, faire Löhne, und die Gerechtigkeit

Einige Gedanken - ganz ungeordnet, aber trotzdem vielleicht nicht ganz falsch - zu fairen Preisen, zu fairen Löhnen und zur Gerechtigkeit.

1.

Fairness ist ein relativer Begriff. Er hat mit Gerechtigkeit zu tun. Und gerecht wollen wir alles sein. Allerdings neigt der Mensch bei der Gerechtigkeit (wie auch sonst) dazu, seinen eigenen Maßstab anzulegen.

"Ich will nur mein Recht", sagen viele Mandanten zum Anwalt. "Ich will nur das, was mir zusteht". Und den gleichen Satz sagt auch die gegnerische Partei zu ihrem Anwalt. Beide wollen nur "ihr Recht".

Allerdings: jeder versteht unter "seinem Recht" etwas anderes. Die absolute Gerechtigkeit gibt es nicht, und kann es nicht geben. Jeder hat seine Sicht, was gerecht ist. Und diese Sicht ist meist subjektiv gefärbt.

Im Großen wie im Kleinen. Ob bei Streitigkeiten in der Familie, in der Gesellschaft oder in der Politik. Kaum einer sieht sich im Unrecht. Im Unrecht ist immer der Andere. Jeder hat seine Sicht der Gerechtigkeit.

2.

Fairness ist etwas Gutes. Die Forderung nach fairen Preisen wird von den Deutschen uneingeschränkt unterstützt. Der neueste Vorschlag: Ein "Sozialtarif" für Strom, dessen Höhe gestaffelt sein soll nach dem individuellen Einkommen.  54 % sagen, dies sei ein guter Vorschlag.

Schwierig wird es erst dann, wenn jemand diese Fairness bezahlen soll. Erkundigt man sich bei normal verdienenden Stromkunden, ob sie bereit sind, selbst höhere Energiepreise zu zahlen, um den günstigen Tarif für die Schlechtergestellten zu finanzieren, sagen 75 % nein. 15 % sind unentschlossen, und nur 10 % sind bereit, selbst auf Geld zu verzichten, um die Preise für die Bedürftigen etwas zu drücken. So schnell ist es vorbei mit der Fairness, wenn es ans eigene Portemonnaie geht.

Ähnlich war es bei der Milch. Die Milchbauern, die im Sommer 2008 von den Handelskonzernen mehr Geld für ihr Naturprodukt forderten, schwammen auf einer Welle des öffentlichen Mitleids und gaben vollmundig bekannt, der Konsument sei bereit, einen fairen (also einen höheren) Preis für seine Milch zu zahlen. "Faire Preise akzeptieren die Leute", meinte auch Landwirtschaftsminister Horst Seehofer.

Aber die Großherzigkeit (Fairneß) darf nichts kosten. Dies zeigt sich bei einem Vergleich mit Österreich. Dort gibt es seit dem Sommer 2006 "Faire Milch", die mit 1,19 € pro Liter deutlich teurer ist als gewöhnliche Milch. Dafür verdienen die Bauern 0,10 € pro Liter mehr. Die Verpackung wirbt mit Arbeitsplätzen in der Region und den Erhalt der österreichischen Milchwirtschaft. Und was macht der Verbraucher, der doch so gerne mehr zahlt, wenn das Geld bei den Bauern ankommt? Eine kurze Zeit haben sie wirklich mitgemacht. Die faire Milch erlangte einen Marktanteil von immerhin 3 %. Mittlerweile hat er sich bei 1,5 % eingependelt.

Ergebnis: Es ist allenfalls eine kleine Minderheit, die bereit ist, faire Preise zu bezahlen.

3.

Ein aktuelles Beispiel: Mindestlöhne.

Beim Mindestlohn, dem "fairen Preis für Arbeit" ist nicht anders. Zwei Drittel der Bevölkerung finden einen flächendecken den Mindestlohn fair und gut. Sogar unter Führungskräften und Managern von 800 Unternehmen haben ihn 60 % befürwortet, wie eine Studie des RWI (Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung) ergab.
(Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. Juni 2008).

Das RWI hat die Unternehmen aber auch gefragt, was es für sie bedeuten würde, falls der Mindestlohn von 7,50 € wirklich käme. 16 % von ihnen sagten, dass sie dann die fraglichen Mitarbeiter entlassen würden. In Ostdeutschland wollten sogar 41 % Stellen streichen, in einigen Branchen, etwa bei den Friseuren, sogar mehr als 70 %.

Die Begründung ist einleuchtend: Ihre Produkte würden bei solchen Löhnen unbezahlbar. Die Friseure kämpfen bereits jetzt mit einer überbordenden Schwarzarbeit. Die fraglichen Mindestlöhne würden die Preise für einen Haarschnitt oder eine Dauerwelle nochmals um rund 60 % verteuern. Jeder mag die Frage für sich beantworten, ob er bereit wäre, dies zu bezahlen. Profitieren würde die Schwarzarbeit.

4.

Unfair finden wir alle auch die Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterinnen in Vietnam und Kambodscha. Eine Textilarbeiterin verdient dort etwa einen Euro pro Tag. Wobei ein Arbeitstag nicht 8 Std., sondern 14 Std. hat.

Aber was ist die Reaktion der empörten Deutschen? Vor die Wahl gestellt, ob wir bei C & A oder bei H % M das T-Shirt, das in Deutschland oder Europa hergestellt worden ist, für 25,- € kaufen oder das gleiche T-Shirt "Made in Vietnam" für 6,- €, kaufen wir lieber das T- Shirt für 6,- Euro. Und unterdrücken für 2 Minuten das schlechte Gewissen. Um Ausreden, das Gewissen zu beruhigen, ist man nicht verlegen ("Ich habe nichts zu verschenken", "Mir schenkt auch niemand was", u.ä.).

Dabei stimmt dies nicht einmal. Beispielweise ist die Nutzung dieser ganzen Seite (mit Urteilssammlung, Sprachenseite, usw.) völlig umsonst. ;-)

5.

"Unfair" finden die Menschen aber nicht nur sehr niedrige Löhne, sondern auch einen sehr hohen Verdienst. Wir haben ein tief sitzendes Gefühl für Fairness und Gerechtigkeit, das offenbar durch die hohen Managergehälter verletzt wird.

Allerdings ignoriert das Gerechtigkeitsgefühl, dass ein Manager in der Regel eine bestimmte Leistung für sein Gehalt erbringt. Und mit dem Begriff "Leistung" haben wir Deutschen offenbar ein kleines Problem. Schon in der Schule gilt ein besonders fleißiger, aufmerksamer Schüler schnell als Streber. In der gesellschaftlichen Anerkennung setzt sich dies später fort. Offiziell sucht man bei uns zwar den Superstar und fördert Elite-Unis, doch wenn ein Leistungsträger dann tatsächlich 4 Mio. € im Jahr verdient (Durchschnittsgehalt eines DAX-Vorstandes), wird ihm dies geneidet.

Im Ausland ist dies teilweise anders. Während sich der Franzose oder US Amerikaner für seinen Nachbarn freut, wenn dieser ein neues schönes Auto hat, erweckt dies bei uns zunächst einmal Neid. Der Gedanke daran, dass der Betreffende vielleicht lange und hart hierfür gearbeitet hat und eine bestimmte Leistung erbracht hat, wird unterdrückt. Man sieht nur den neuen Wagen.

6.

Eine Ausnahme machen viele nur im Sport. Wenn ein etwas 24 jähriger Fußballkicker, der nichts anderes kann als Fußball spielen, ein Tor in der Champions League schließt, wird er als Held gefeiert. Daß er mit eigenem Ferrari oder Porsche Carrera zum Training fährt, ist voll in Ordnung.

Wenn ein 60 jähriger Einkommensmillionär sein Unternehmen an die Weltspitze bringt, und er hierfür 4 Mio. Euro erhält, ist er ein gieriger Manager. Obwohl sein Einkommen ein Drittel von dem beträgt, was ein etwas überdurchschnittlicher Fußballspieler in der Bundesliga verdient. Für das, was viele DAX-Vorstände verdienen, würde sich ein Stammspieler bei Bayern München noch nicht einmal warmlaufen.
Übrigens: das Gehalt von Michael Schumacher war fast so hoch wie das Gehalt der Vorstandsvorsitzenden sämtlicher 30 DAX-Unternehmer zusammen (nämlich rund 80 Mio € / Jahr)!

7.

Ein wenig hat der Kabarettist und Physiker Vince Ebert Recht, wenn er schreibt (Vince Ebert, Denken Sie selbst!, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, 2008, Seite 151):

"Wir demonstrieren gegen Niedriglöhne, Stellenabbau und Umweltzerstörung, aber gehen zu H & M, ZARA oder ALDI. Wir informieren uns beim freundlichen Einzelhändler über den besten DVD-Player und kaufen ihn dann bei Media-Markt, weil er dort 20,- € billiger ist.

Als Kunde betreiben wir genau das, was wir Topmanagern gerne vorwerfen: gnadenlose Globalisierung und Preisdruck, bis als Produktionsstandort nur noch Fernost übrig bleibt. Die wahren Heuschrecken in diesem Land sind nicht irgendwelche Nokia-Chefs  oder Hedge-Fonds Manager. Die wahren Heuschrecken, das sind wir selbst …"