Welt der Sprache

Begriffe

Unter einer Schrift versteht man ein Zeichensystem zur zwischenmenschlichen Kommunikation mit Hilfe optisch wahrnehmbarer, willkürlicher Zeichen.

1. Zweiteilung

Man unterscheidet zunächst zwischen einem eingeschränkten und einem vollständigen System.

  • Bei einem eingeschränkten System genügt es, daß einem bestimmten Zeichen bzw. Symbol eine eindeutige Bedeutung zugeordnet werden kann, die also ein anderer Fachkundiger verstehen kann. Der Anwendungsbereich ist im allgemeinen stark eingeschränkt.
  • In einem vollständig entwickelten Schriftsystem muß noch hinzukommen, daß sich alle Vorstellungen unzweideutig darstellen lassen, die sich mit gesprochener Sprache ausdrücken lassen. Man muß also fähig sein, alles was man denken oder sagen kann, mit Hilfe der Zeichen bzw. Symbole eindeutig festzulegen.
Eingeschränkte Schriftssteme werden im Allgemeinen in der Buchführung benutzt oder dienen bspw. als Lernhilfe zur leichteren Einprägung schwieriger Sachverhalte (“Eselsbrücke”).

Charakteristisch für derartige Systeme ist ein hohes Maß an Mehrdeutigkeit, da es keine festgelegte Entsprechung zwischen den Zeichen des Schriftsystems und der dadurch dargestellten Sprache gibt. Aus diesem Grund ist die Auslegung eines eingeschränkten Schriftsystems in der Regel sprachabhängig.
  • Typische Beispiele für solche eingeschränkten Schriftsysteme (und gleichzeitig das älteste Schriftsystem überhaupt) sind Piktogramme. Diese haben die Aufgabe, Vorstellungen oder Eindrücke in Erinnerung zu bringen, die anschließend durch die Sprache ausgedrückt werden (Bspw. bedeutet ein stilisiertes Herz: ”Ich liebe Dich”).
Die Assoziationen, die von solchen Bildern hervorgerufen werden, sind jedoch unverständlich oder missverständlich, wenn man den kulturellen Hintergrund des Schreibers nicht kennt.

Dagegen kann ein vollständig entwickeltes Schriftsystem jeden mündlich formulierten Gedanken darstellen. Es zeichnet sich durch eine mehr oder weniger festgelegte Entsprechung zwischen den Zeichen des Schriftsystems und den Elementen der damit dargestellten Sprache aus.

Die hierbei benutzten Sprachelemente können
  • Wörter,
  • Silben oder
  • Phoneme (die kleinsten sprachlichen Einheiten, die zwischen zwei verschiedenen Äußerungen in einer Sprache unterscheiden)
sein. - Dementsprechend lassen sich Schriftsysteme einteilen in
  • Wortschriften (oder Logographien),
  • Silbenschriften und
  • Alphabetschriften
Da ein vollständig entwickeltes Schriftsystem die Elemente einer Sprache darstellt, muss man (anders als bei Piktogrammen) eine Sprache kennen , um die von einem Schreiber beabsichtigte Bedeutung verstehen zu können.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass ein Schriftsystem an eine bestimmte Sprache gebunden ist! Vielmehr lassen sich Schriftsysteme verhältnismäßig leicht von einer Sprache auf eine andere übertragen.
  • So läßt sich z.B. das lateinische Alphabet natürlich problemlos nicht nur für die Darstellung der deutschen, sondern bspw. auch für die französische, tschechische oder (mit Einschränkungen bzw. notwendigen, sprachspezifischen Ergänzungen) die japanische Sprache verwenden.
Es bedeutet nur, dass ein vollständig entwickeltes Schriftsystem anders als ein piktographisches System einem Leser ohne Kenntnis der zugrunde liegenden Sprache keine Bedeutung vermittelt. Wenn der Leser die andere Sprache aber kennt, ist ein vollständiges Schriftsystem eine hervorragende Hilfe. zur Darstellung dieser Sprache.

2. Wortschriften, Silbenschriften und Alphabetschriften

a. Wortschrift (Logographie)
Kennzeichen der Wortschrift sind zahlreiche (Logogramme genannte) Zeichen, die ganze Wörter darstellen. Häufig stellen solche Zeichen eine Reihe verwandter Wörter dar. (z.B: das Zeichen für Auge für “Auge” und für “sehen”)
Auch in den heutigen, modernen Schriftsystemen gibt es eine Vielzahl von Logogrammen (auch Piktogramme genannt). Ihre Zahl geht in die Tausende.

Derartige Systeme müssen zwangsläufig mehrdeutig sein. Mit speziellen Zeichen (sog. Determinative und phonetische Ergänzungen), die semantische und phonetische Eigenschaften anzeigen, lässt sich diese Mehrdeutigkeit auflösen, das Logogramm kann somit richtig gedeutet werden.
  •  Determinative haben keinen Lautwert, sondern dienen ausschließlich der semantischen Unterscheidung (z.B. ob in der sumerischen Keilschrift das Zeichen für “Pfeil” , das “ti” gesprochen wird, nun Pfeil oder Leben (beides ti gesprochen) bedeutet). Sehr häufig sind derartige Determinativa in der ägyptischen Hieroglyphenschrift   
  • Die phonetische Ergänzung (phonetisches Komplement) wird in ähnlicher Weise verwendet. Sie hat aber eine spezifischere Funktion, da sie Hinweise auf die Aussprache des vom Logogramm dargestellten Wortes gibt. Sie werden ebenfalls nicht mitgelesen, sondern sollen ausschließlich das Lesen des betreffenden Logogramms erleichtern.
Hierzu ein schönes Beispiel: In der heutigen deutschen Alphabetschrift wird beispielsweise das Logogramm „2” als „zwei” gelesen. Um aber die Ordnungszahl darzustellen, wird die phonetische Ergänzung „. ” (Punkt) an das Logogramm angehängt, und das Logogramm sowie die phonetische Ergänzung werden als „zweite”, „zweiter” usw. gelesen.

Die Darstellungsform mit Hilfe von Logogrammen genügt somit zwar zur Identifizierung der meisten Substantive und der einfachen Verben, nicht jedoch der Adjektive und Adverbien und keinesfalls der Pronomen und Eigennamen. Allein durch die Verwendung von Logogrammen können auch nicht die Flexionsendungen von Kasus und Verben abgebildet werden. Dies ist jedoch für ein vollständig entwickeltes Schriftsystem unbedingt erforderlich.

b. Silbenschrift

Mit dem Rebusverfahren versuchte man, die Beschränkungen des logographischen Schriftsystems zu überwinden.

Dadurch, dass Zeichen zur Darstellung von Lauten (in diesem Fall Silben) verwendet werden, ließen sich Wörter ausdrücken, für die es kein Logogramm gab. Darüber hinaus konnten vor allem Flexionsendungen von Kasus und Verben geschrieben werden, indem man einfach das Zeichen für den entsprechenden Laut an das Logogramm hängte. Im Gegensatz zu den phonetischen Ergänzungen werden diese Zeichen allerdings als Elemente der geschriebenen Sprache gelesen und gedeutet.

c. Alphabetschrift

Der letzte Schritt zu einer vollständigen Alphabetschrift (Buchstabenschrift) ist die lautliche Trennung der Konsonanten von den Vokalen und ihre getrennte Darstellung in der Schrift. Dafür werden zwar einige Zeichen mehr benötigt, jedoch verschwindet hierdurch die Mehrdeutigkeit, da ein Leser die Vokale nicht mehr selbst einsetzen muss.

Die Alphabetschrift benötigt die größte Anzahl von Zeichen für eine gegebene Äußerung. Die Anzahl der für das Schriftsystem benötigten Zeichen ist jedoch klein genug, so dass die Zeichenform immer noch sehr einfach sein kann. Da jedes Zeichen für ein Phonem steht, wird jedes vom Schreiber vorgesehene Wort ausführlich ausgeschrieben. Der Leser muss keinen einzigen Laut ergänzen.

Übrigens gibt es kein Schriftsystem in reiner Form. In jedem Schriftsystem finden sich immer Elemente eines anderen Systems. Ein Beispiel dafür ist die Vielzahl von Logogrammen, die in den heutigen Alphabetschriften verwendet werden (z.B. die Satzzeichen wie Komma, Fragezeichen, usw.)