Romanische Sprachen - Grammatik
Zur Entwicklung der Grammatik in den romanischen Sprachen
Vom Lateinischen zu den romanischen Sprachen (einige ausgewählte, interessante Beispiele)
1. Die Artikel
2. Steigerung der Adjektive
3. Verben / Konjugation
4. Tempusbildung
5. Deklination
6. Wortschatz
7. Sonstiges
1. Die Artikel
Eine der auffälligsten Neuerungen des Vulgärlateins ist die Herausbildung eines bestimmten Artikels.
Das klassische Latein hatte bekanntlich, im Gegensatz zum Griechischen, keinen Artikel. Entstanden ist der vulgärlat. bestimmte Artikel aus den Demonstrativa ille (vulgärlat. illu) und ipse (vulgärlat. ipsu). Ipsu bzw. illu verlieren allmählich ihren demonstrativen Wert und werden abgeschwächt, wie man schon in spätlateinischen Texten beobachten kann.
Die unbestimmten Artikel werden aus dem Zahlwort für “eins” (unus, una, unum) gebildet. Sämtliche bestimmten Artikel (“der, die, das”) der romanischen Sprachen stammen von dem lateinischen Demonstrativpronomen ille, illa ab, und zwar einschließlich aller Formen des bestimmten Artikels sowie das Pronomen 3. Pers. (“er“ - z.B. franz.: il)
Unterschiede in den einzelnen Sprachen bestehen nur hinsichtlich der Silben, die sie als Grundlage für die Artikel übernommen haben:
| ille | il - le | il | franz.: IL 1. 3. Pers. Sing. er 2. best. Artikel: der |
span.:ÉL- 1. 3. Pers. Sing. Nom. er 2. best. Artikel: der |
| d | le | franz. und span.: LE 1. 3. Pers. mask. Sing. Akk. (Pronomen) ihn 2. franz.:best. Artikel Nom.: der |
ital.: LO 3. Pers. mask. Sing. Akk. (Pronomen) ihn |
|
| illa | il - la | . | franz.: ELLE 3. Pers. Sing. Nom fem.. sie |
span. und ital.: ELLA 3. Pers. Sing. Nom. fem.. sie |
| . | la | Franz., Ital. und Span.: LA 1. 3. Pers. Sing. er 2.best. Artikel: die |
||
| div. Deklinationsformen | sämtliche weitere Formen der bestimmten Artikel und der Pronomen 3. Person | |||
Die Entstehung eines bestimmten Artikels aus dem Demonstrativum im Vulgärlatein ist kein Einzelfall: Auch in anderen indogermanischen Sprachen hat eine solche Entwicklung stattgefunden, und gegenwärtig läßt sich ein analoges Phänomen in französischen Kreolsprachen beobachten.
2. Steigerung der Adjektive
Im klassischen Latein beruhte die Steigerung (stark, stärker, stärkste) auf Flexionen, also Veränderungen des Wortstamms (fortis, fortior, fortissimus).
Nur bei den Adjektiven auf -uus (z.B. arduus = glühend) wurde eine Ausnahme gemacht, um das unschöne, schwierig auszusprechende Zusammenprallen von 3 Vokalen zu vermeiden (-uior). An die Stellung der Endung trat hier ein Adverb: magisarduus (mehr glühend = glühender).
Die Volkssprache übertrug diese handliche Umschreibung auch auf andere Adjektive, bei denen es gar nicht nötig gewesen wäre. Schon bei Plautus (einem der frühesten Schriftsteller) heißt es: magis aptus (passender) und magis miser (elender).
In der Umgangssprache herrschte also ein ähnlicher Wettstreit zwischen 2 Formen wie im Englischen von heute. Neben der germanischen Steigerungsweise mit den Endungen -er und -est wird die romanische Form gebraucht (more und most),
z.B. pretty - prettier (hübsch), aber: handsome - more handsome (stattlich)
Im späteren Latein setzten sich plus und magis allgemein durch.
Rumänien, Spanien und Portugal übernahmen magis (Rumänisch mai, Spanisch más, Portugiesisch mais), während Italien und Frankrech plus weiterführten (Italienisch più, Französisch plus). - Ausnahmen hiervon sind sehr selten (z.B. franz.: gut =bon, besser = meilleur statt plus bon).
In sämtlichen romanischen Sprachen wird der Superlativ durch Vorsetzen des bestimmten Artikels vor den Komparativ gebildet,
z.B. franz. (groß): grand, plus grand, le plus grand , oder span. (reich): rico, más rico, el más rico
3. Verben / Konjugation
Die allgemeine Tendenz “flektierend --> isolierend” zeigt sich in der Herausbildung folgender vulgärlateinischer Verbformen:
1. Das flektierende Futur verschwindet völlig. Es entstehen isolierende Futurformen.
Das klassische lateinische Futur hat sich übrigens nirgendwo in der Romania (= Gebiet der romanischen Sprachen) erhalten. Gründe für den Schwund im Vulgärlatein sind u.a.:
a. Vereinfachung : Die Futurbildung war uneinheitlich und somit kompliziert:
cantabo, cantabis../. delebo, delebis, ...
aber: vendam, vendes../. audiam, audies, ...
b. Tendenz zu ausdrucksstärkeren Worten: „ich werde singen“ > „ich will, muß, habe zu singen“
- volo/voleo cantare ‘ich will singen’ (rumänisch)
- debeo cantare ‘ich muß singen’ > sardisch deppo cantare
- venio ad cantare > frz. je vais chanter
- habeo cantare (auch habeo de / ad cantare) ‘ich habe zu singen’ > südital. aggio cantá, portug. hei-de cantar usw
Dieser Typ mit nachgestelltem habeo (cantare habeo) ist für die romanischen Sprachen am wichtigsten geworden. Er hat sich im Franz., Ital., Span. und Portug. durchgesetzt:
- it. canterò, -ai, -à, -emo, -ete, -anno, franz. je chanter-ai, -as, -a, -ons, -ez, -ont
In diesen Formen sind die Formen von ”habere” zum Teil noch erkennbar, doch ist das den Sprechern nicht mehr bewußt; sie werden als synthetische (= flektierende) Formen aufgefaßt, sind jedoch (analytisch) Infinitiv + Futurendung von „haben“.. - vertiefend nächste Seite -
2. Neben dem einfachen (synthetischen) Perfekt cantavi (> ital. cantai) entsteht nach dem gleichen Schema wie bei der Futur -Bildung ein neues (analytisches) Perfekt aus „habere“ + Partizip Perfekt Passiv:
habeo cantatum > ital. ho cantato, franz. j’ai chanté
3. Das (synthetische) Passiv bleibt im Vulgärlatein zunächst noch erhalten, wird aber immer häufiger durch andere Konstruktionen ersetzt:
- Reflexivum (s.o.), vgl. ital. il grano si màcina ‘das Korn wird gemahlen’
- aktivischer Ausdruck: dicitur > dictunt > ital. dicono, franz. ils disent
4. Das synthetische Präsens Passiv (laudor, laudaris, laudatur) geht völlig unter, es lebt in keiner romanischen Sprache weiter.
Erhalten bleibt jedoch das analytische Perfekt Passiv (laudatus sum), allerdings mit veränderter Bedeutung. Das vulgärlat. „laudatus sum“ bedeutet nicht mehr ‘ich bin gelobt worden’ (= Perfekt Passiv), sondern ‘ich werde gelobt’ > it. sono lodato, sono amato. Das gleiche Schema bei der Bildung des Partizip Präsens (Präsens Aktiv von „sein“ + Partizip Perfekt Passiv) gilt z.B. im Franz.: je suis
5. Die Deponentien gehen in die aktive Konjugation über (z.B. mori > morire, mentiri > mentire)
4. Tempusbildung
Die Flexion der Zeit kann grundsätzlich auf 2 verschiedene Arten geschehen:
1. entweder durch eine Veränderung des Wortes
- diese kann in einer inneren Veränderung (geben - er gab)
- oder einer äußeren Veränderung des Wortstamms bestehen (lieben - er liebte)
2. oder durch ein Hilfsverb erfolgen (geben, er hat gegeben, er hatte gegeben, er wird geben)
Im Deutschen und den verwandten germanischen Sprachen sowie im Slawischen und im Keltischen gibt es nur 2 einfache Zeitformen (also die vorstehende 1. Möglichkeit): Das Präsens (die Gegenwart) und das Präteritum (Vergangenheit). Sämtliche anderen Zeitformen müssen mit Hilfsverben gebildet werden.
(Im Süddeutschen ist auch das Präteritum ausgestorben, so daß lediglich das Präsens als einfache Zeitform übrig bleibt.)
Die Verwendung von Hilfverben ist alltäglich und üblich und für die analytischen (isolierenden) Sprachen wie deutsch, franz., usw. geradezu bezeichnend.
Historisch sind die Flexionen oft sogar aus Hilfsverben entstanden. Manchmal ist die Entstehung einer Zeitform aus einem Hilfsverb noch zu erkennen.
Hierzu ein m.E. sehr schönes Beispiel:
Das lateinische Futur verschwand in der Zeit des römischen Kaiserreichs (also schon relativ früh) aus dem Gebrauch. An seine Stelle trat eine Ausdrucksform, die uns gut bekannt ist, ohne daß wir uns vielleicht bislang Gedanken hierüber gemacht haben: Die Umschreibung mit “haben” :
Statt das Futur zu benutzen: “Ich werde noch arbeiten”,
kann man auch sagen: “Ich habe noch zu arbeiten.“
Ãhnlich drückte sich der Kirchvater Augustinus im 1. Jhdt. n. Chr. aus, indem er vom kommenden Reich Gottes schreibt:
“Petant aut non petant, venire habet”
(“Ob sie bitten oder nicht bitten, es (das Reich Gottes) wird kommen”)
Die Verbindung eines Verbs (im vorstehenden Beispiel: kommen = venire) mit dem indogermanischen Wort für “haben“ (habere im Latein) hat sich in den römischen Tochtersprachen Französisch und Italienisch als Futur durchgesetzt, nachdem eine Verschmelzung stattgefunden hatte.
Diese Verschmelzung ist gut zu erkennen, wenn man die Präsensform des französischen Worts für haben (vgl. oben: avoir) mit den Formen des Futurs vergleicht und an den Infinitiv des anderen Wortes anhängt.
| Präsens von haben (= avoir) + Infinitiv des Verbs = Futur des Verbs | ||||
|---|---|---|---|---|
| Präsens von haben | Infinitiv d. Verb | Infinitiv + Präs. von haben | = Futur | |
| ich habe | j’ai | aimer | aimer + ai | = aimerai |
| du hast | tu as | aimer | aimer + as | = aimeras |
| er hat | il a | aimer | aimer + a | = aimera |
| wir haben | nous avons | aimer | aimer + (av)ons | = aimerons |
| ihr habt | vous avez | aimer | aimer + (av)ez | = aimerez |
| sie haben | ils ont | aimer | aimer + ont | = aimeront |
Es stimmt selbst in der deutschen Übersetzung fast wörtlich:
Je travailler-ai: Ich habe (zu) arbeiten = Ich werde arbeiten
In den anderen romanischen Sprachen ist die Futurbildung ähnlich:
Ital.: amer-ò, amer-ai; Span.: amar-é, amar-ás,usw.
5. Deklination
Die Entwicklung der Fälle ist in den romanischen Sprachen einheitlich verlaufen:
Bereits im klassischen Latein setzt eine Entwicklung ein, die Fälle (Kasus) durch eine Präposition zu ersetzen, vor allem die Kasus Genitiv und Dativ
filius regis > filius de rege, filius ad regem (il figlio del re)
da librum patri > da librum ad patrem (da il libro al padre)
Eine ähnliche Entwicklung ist derzeit im Deutschen zu beobachten: Immer häufiger wird (vor allem umgangssprachlich) eine Präposition statt des Genitivs verwandt: “Das Auto von meinem Chef” statt: “Das Auto meines Chefs”)
Auch im klassischen Latein wird der Teilungs-Genetiv relativ früh durch eine Präposition mit Ablativ ersetzt und auf diese Weise die Kasusbedeutung verdeutlicht. In festen Wendungen wird der Teilungsgenitiv mit de oder e umschrieben
(pauci de nostris, unus e / de consulibus)
Ähnlich ist es beim Dativ, der bei dare häufig mit ad gebildet wird.
Die romanischen Sprachen haben dieses System vollständig übernommen:
| Vulgärlat. | Ital. | Franz. | |
|---|---|---|---|
| Genetiv | de | di | de |
| Dativ | ad | a | à |
Die Kasusendungen des Genitiv und Dativ wurden daher nicht mehr benötigt.Sie wurden bald nicht mehr gesprochen und schließlich überwiegend auch nicht mehr geschrieben.
Ähnlich ist es mit den übrigen Fällen: Nominativ (Subjekt) und Akkusativ (Objekt) werden nicht mehr nach ihrer Endung, sondern durch ihre Stellung vor bzw. nach dem Prädikat unterschieden. Dadurch entfällt die Notwendigkeit, die Kasusendungen zu benutzen. Im Ergebnis entfällt der Akkusativ.
Auch der Ablativ verliert immer mehr an Bedeutung. Er wird - vor allem nach bestimmten Präpositionen - mehr und mehr durch den Akkusativ ersetzt, bis er schließlich mit diesem völlig wegfällt.
Ein schöner Beleg hierfür findet sich auf der Seite über die Quellen des Vulgärlatein: Der Brief eines einfachen Soldaten aus dem Jahr 115 n. Chr., der aus Norditalien oder Gallien stammt, und aus Alexandria an seinen Vater schreibt.
Ein Nachteil - und zwangsläufige Folge - des Wegfalls der Kausendungen ist, daß die freie Wortstellung des Lateinischen verlorengeht. Man kann die Wörter nicht mehr (weitgehend) beliebig plazieren.
Während bei Caesar und Cicero die Reihenfolge der Worte weitgehend gleichgültig war (die Funktion der Wörter war ja durch ihre Endung eindeutig definiert), muß in den modernen romanischen Sprachen in aller Regel eine feste Wortstellung eingehalten werden: Nominativ (Subjekt) vor das Verb, und der Akkusativ (Objekt) dahinter.
Das lateinische Kasussystem lebt in keiner romanischen Sprache weiter. Im Altfranzösischen, Altprovenzalischen und Rumänischen ist ein Zweikasussystem erhalten, ansonsten gibt es die Kategorie Kasus nur noch bei Pronomina (lui, egli, gli, lo usw.)
Quelle: Bodmer, Die Sprachen der Welt (Das lateinische Erbe);
Palmer, Die lateinische Sprache
6. Wortschatz
Die zahlreichen Neuerungen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte lassen sich wie folgt gliedern:
1. Reduktion des Synonymenreichtums
- So steht urbs ‘Stadt als Gesamtheit der Gebäude’ neben civitas ‘Bürgerschaft, Gesamtheit der Einwohner einer Stadt’. Nur eines dieser Wörter bleibt erhalten: civitatem > it. città.
- Das klassische Latein unterscheidet vir ‘Mann’ und homo ‘Mensch, Mann’. Das Vulgärlatein und die romanischen Sprachen beschränken sich auf homo, hominem > it. uomo, fr. homme, sp. hombre.
- Equus ist im klass. Latein das Reitpferd; daneben existiert caballus ‘Zugpferd, Arbeitspferd’; dieses Wort hat einen negativen Beigeschmack (ähnlich wie Gaul). In den romanischen Sprachen lebt nur eines dieser beiden Wörter weiter: caballum > rum. cal, it. cavallo, lad. caval, fr. cheval, sp. caballo, pg. cavalo.
- Zur Bezeichnung des „Feuers“ hatte das klass. Latein ebenfalls zwei Wörter: ignis, das alte indogerman. Wort, und focus, ein Wort unsicheren Ursprungs, das soviel wie ‘häusliches Feuer, Herd, Herdfeuer’ bedeutete. Im Vulgärlatein übernahm focus auch die Bedeutung ‘Feuer im allgemeinen’ (focum facere ‘das Herdfeuer anzünden’ > ‘Feuer anzünden’) und verdrängte ignis, das in den romanischen Sprachen keine Spuren hinterlassen hat. Überall in der Romania finden sich Nachfolger von focus > it. fuoco.
2. Unregelmäßig flektierte Wörter werden durch regelmäßige ersetzt
- Bei Verben z.B.:
canere > cantare (von cantus) > it. cantare, franz. chanter
ferre > portare > it. portare, franz. porter
fari, loqui> fabulare und parabolare > it. parlare, franz. parler
- Bei den Substantiven Tendenz zur -a und -o-Deklination:
Iter, itineris > via > via oder strata > it. strada
- Bei einigen Verben Anpassung an die regelmäßige Konjugation:
velle > *volere > it. volere, franz. vouloir
posse > *potere > it. potere
3. Kurze Wörter neigen zum Schwund, sie werden durch längere ersetzt, z.B.
- rus ‘Land’ durch campania > it. campagna, franz. campagne
Häufig geschieht der Ersatz durch Ableitung vom gleichen Lexem, worin sich ebenfalls die Tendenz zur Verlängerung der Wörter manifestiert:
- hiems ‘Winter’ > hibernum > it. inverno, franz. hiver
- dies ‘Tag’ > diurnus > it. giorno., franz. jour
Besonders beliebt waren Diminutivableitungen:
- auris ‘Ohr’ > auricula > it. orecchia, fr. oreille
- circus ‘Kreis’ > circulus > it. circolo, franz. circle
- agnus ‘Lamm’ > agnella > it. agnello
4. Neigung zu expressiven Wörtern, zu volkstüml. Kraftausdrücken. Einige haben sich in den roman.Sprachen erhalten. Hier die drei bekanntesten
- Edere ‘essen’ wurde - weil es zu wenig Lautsubstanz hatte und in einigen Konjugationsformen mit ESSE homonym (gleichlautend) war (est ‘er ist / ißt’), schon im frühen Vulgärlatein durch die Präfixableitung comedere ‘(auf)essen, schmatzen’ ersetzt. Diese Ableitung lebt auf der spanischen Halbinsel weiter: span. portg. comer.
- In Rumänien, Italien und Gallien findet man für „essen“ dagegen Wörter, die offensichtlich einen anderen Ursprung haben, deren Bildung jedoch dem gleichen Schema folgt:
rum. mînca, altital. manducare/ mandicare, franz. manger (> it. mangiare) usw.
Diese Wörter lassen sich herleiten von Vulgärlatein manducare, Ableitungen von manducus ‘Vielfraß’. Der manducus war eine komische Figur in der lateinischen Stegreifkomödie. manducare war ursprünglich eine Art Kraftausdruck mit der Bedeutung ‘futtern, sich vollstopfen; kauen’.
- flere ‘weinen’ wird ersetzt durch die expressiveren Wörter plorare ‘laut jammern’ (frz. pleurer) und plangere ‘sich auf die Brust schlagen’ (damals eine Geste heftiger Trauer), vgl. it. piangere.
7. Sonstiges
1. Neutrum
Das Neutrum verschwindet. Die Endung -um fällt mit -us zusammen; die entsprechenden Wörter werden im Italien., Franz. und anderen Sprachen Masculina (vgl. z.B: vinum < franz. le vin, ital. il vino
Das Neutrum-Plural auf -a wird oft zum Femininum Singular, z.B. folium, Plural folia > ital. foglia , mirabilia > meraviglia
2. Bildung der Adverbialien
Die klassisch-lateinische Adverbialbildung durch die Endungen -e (longe) und -iter (breviter) wurde abgelöst durch “Adjektiv + mente”, z.B. “severa mente” in strengem Sinne, auf strenge Weise.
Mit Ausnahme des Rumänischen findet sich diese Adverbialbildung überall in der Romania: ital., span., portg. severamente, franz. sévèrement
3. Lautentwicklung
Die Ähnlichkeiten der romanischen Sprachen wird jedem, der Latein und mindestens eine romanische Sprache (z.B. Französisch) lernt, wahrscheinlich am ersten daran auffallen, daß die Unterschiede zwischen den beiden Sprachen bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgen, also die Veränderungen der Laute nicht zufällig sind.
Wenn man diese Gesetzmäßigkeiten erkannt hat, wird das Erlernen des Vokabulars erheblich erleichtert.
Wenn man z.B. das lat Wort für Fenster (fenestra) mit dem franz. fenêtre vergleicht, fällt das Erlernen des französischen Wortes bête (lat: bestia Tier) wesentlich leichter, und in dem franz. Wort für Küste (côte) wird man problemlos das lat. costa erkennen.
Beim Buchstaben “h” ist auffällig, daß er z.B. im Französischen zwar geschrieben, aber nicht gesprochen wird, und daß die Verbindung mit dem Artikel ganz unterschiedlich ist.
Die Entwicklung des “h” in den romanischen Sprachen sei daher hier näher dargestellt:
Im gesprochenen Latein wurde das H bereits seit der klassischen Zeit nicht mehr gesprochen. Das “h” schwindet (sowohl im Anlaut -h als auch mitten im Wort -h-), schon um die Zeitenwende.
Daß das H im Anlaut stumm war, kann man sehr gut an Rechtschreibfehlern in Graffiti und Briefen aus der damaligen Zeit erkennen.
Beispiel (Graffiti in Pompeji): Comicius Restitutus cum fratre ic stetit (ic statt hic).
Dieses Graffiti erklärt übrigens auch die Entstehung des franz. ici (hier) !
Die beiden Wörter habeo (ich habe) und abeo (ich gehe weg) wurden also unterschiedlich geschrieben, jedoch gleich ausgesprochen (sog. Homonyme). Sie waren in der Aussprache nicht zu unterschieden. Welche Bedeutung gemeint war, mußte sich der Hörer - wie ja so oft, auch in den heutigen Sprachen - aus dem Zusammenhang und dem Sinn erschließen.
Im Italienischen ist das H im Anlaut völlig verschwunden. Es gibt eine Ausnahme bei 4 Formen des Verbs für haben,
ho (ich habe), hai (du hast), ha (er hat), hanno (sie haben),
zur Unterscheidung von o (oder), ai (an die), a (zu, bei), anno (Jahr).
jedoch wird das H nicht gesprochen. Im gesprochenen Italienisch ist das Anlaut-H also vollständig geschwunden.
Im Französischen, Spanischen und Portugiesischen wird das H zwar geschrieben, ist aber ebenfalls stumm. (z.B. franz. trahir [trai:r] verraten)
Interessanterweise unterscheidet das Französische dabei 2 Gruppen von Wörtern:
In der einen wird das H behandelt, als wäre es nicht vorhanden. Ein sonst stummer Konsonant in einem vorangehenden Wort wird gesprochen (sog. Liaison) und der Vokal des Artikels fällt weg (l' für le und la).
l’heure |
lat. |
hora |
Stunde |
l’homme |
lat. |
homo |
Mensch |
l’honneur |
lat. |
honor |
Ehre |
In der zweiten Gruppe (aspieriertes - behauchtes - H) verhindert das H eine Liaison und den Ausfall des Vokals im Artikel. Diese Wörter sind zum größten Teil nicht lateinischen, meistens germanischen Ursprungs (sog. Superstrat)
le héros |
griech. |
heros |
Held |
le havre |
german. |
*habno |
Hafen |
la harpe |
althochd. |
harpa |
Harfe |
Quellen zum Thema “Entwicklung des Vulgärlatein. und der roman. Sprachen” (Grammatik 1 - 3):
Bodmer, Die Sprachen der Welt (Das lateinische Erbe); Palmer, Die lateinische Sprache; Annegret Bollée, Geschichte der italienischen Sprache; u.a.
» Nächste Seite: C. Franz. Sprache: Entwicklung