Vulgärlatein - Quellen
1. Literarische Quellen:
Rückschlüsse auf das gesprochene Latein lassen literarische Stücke zu, die in künstlerischer Absicht Alltagssprache wiedergeben wollen.
- So verwendet Plautus (250 - 184 vor Chr.) in seinen Komödien oft das Wort fabulari für sagen, sprechen, also ein Wort, das die klassischen Schriftsteller wie Caesar oder Cicero vermeiden und durch dicere ersetzen. - Dennoch ist das Wort in der Umgangssprache zweifellos fest verankert, denn es hat zu port. falar und span. hablar (sagen) geführt.
- In einem Romanfragment aus dem 1. Jahrhundert nach Chr. (Cena Trimalchionis von Petronius) findet man all jene Verstöße gegen die Grammatik, die den Weg in die romanischen Sprachen weisen. Dort verwenden Sklaven und Freigelassene in ihrer Unterhaltung umgangssprachliche Ausdrucksweisen (z.B. [o] für au), verstoßen gegen Deklinations- und Konjugationsmuster, usw.
- Viele überlieferten Fachbücher und Fachtexte (etwa zur Tiermedizin, Architektur, Landwirtschaft, usw.) verfolgten einen rein praktischen Zweck und deshalb stilistisch eher anspruchslos und der Umgangssprache verhaftet. Hierher gehört auch das Kochbuch des Apicius aus dem 1. Jahrhundert nach Chr. - Viele Wörter, die in den romanischen Sprachen weiterleben, sind nur hier belegt.
2. Nichtliterarische Quellen
Hierunter fallen zahlreiche Inschriften privater Natur, die von sprachlich weniger gebildeten Römern verfaßt wurden.
- Auf den Grabsteinen einfacher Leute haben die Angehörigen oder Steinmetze unbeabsichtigt oft Sprechlateinisches verewigt.
- Die sog. tabulae defixionum: Täfelchen mit Fluchformeln, die unliebsamen Personen Unheil wünschten (sozusagen die Vorläufer heutiger “Nieder mit ...”-Parolen) belegen die Sprechweise abseits der Hochsprache.
- Aus Schreibfehlern auf Münzen: Hier haben sich oft Spuren der gesprochenen Sprache eingeschlichen (Fedes militum statt Fides militum, und Concordia exerciti statt Condordia exercitus).
- Und besonders wichtig: Private Briefe einfacher Leute, die die gesprochene Sprache wiedergeben. Ein schönes Beispiel findet sich hier: Der Brief eines einfachen Soldaten aus dem Jahr 115 n. Chr.an seinen Vater.
3. Äußerungen von Grammatikern
Einige lateinische Grammatiker ermahnten zum korrekten Sprachgebrauch, indem sie die falsche und die richtige Form gegenüberstellten, wodurch wir Kenntnis von der gesprochenen Form erhalten haben.
- Lange Listen aus dem 3./4. Jahrhundert n. Chr. finden sich im Anhang zu einem Werk des Grammatikers Probus. Sie prangern grobe Verstöße gegen Aussprache und Grammatik an:
masculus non masclus,
aquaeductus non aquiductus,
pauper mulier non paupera mulier,
auris non oricla,
tabula non tabla,
februarius non febrarius
Man erkennt hier teilweise schon die weitere Entwicklung (z.B. oricla - franz. oreille, tabla - franz. table)
- Viele klassisch-lateinischen Wörter wurden mit der Zeit vollkommen unverständlich, so daß die Reichenauer Glossen aus dem 8./9. Jhdt. sie (in der Art eines Wörterbuches) mit den nunmehr gebräuchlichen lateinischen Wörtern erklären, deren Weiterentwicklung sich in den romanischen Sprachen wiederfindet:
“pulcra: bella”
“schön” (vgl. franz. belle, ital. bella)
“caseum: formaticum”
“Käse” (vgl. franz. fromage, ital. formaggio)
“semel: una vice”
“einmal” (vgl. franz. une fois, span. una vez)
4. Erschließung aus den romanischen Sprachen
Diese Methode entspricht dem Verfahren, wie es bei der Rekonstruktion indoeuropäischer Wörter angewandt wird.
Aufgrund der großen Anzahl von Wörtern mit gemeinsamem Ursprung (dem Lateinischen) und ihrer Entwicklung innerhalb der romanischen Sprachen, die eingehend erforscht sind, kennt die historische vergleichende Sprachwissenschaft heute genauestens die Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Entwicklung von Wörtern innerhalb der einzelnen Sprachen abläuft.
Aufgrund der hierbei gewonnenen Erkenntnisse, die auf gesicherten Ergebnissen beruhen, lassen sich auch Vermutungen über zufällig nicht Belegtes anstellen, die ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen.
Wenn etwa die heutigen romanischen Sprachen eine Gemeinsamkeit aufweisen, die aus dem Lateinischen nicht bekannt ist, so spricht dennoch einiges dafür, daß diese Gemeinsamkeit ein Kennzeichen des gesprochenen Lateins war.
Beispiel: Wenn man für “Aas” im Französischen charogne sagt, im Spanischen carrona und im Italienischen carogn, dann legen diese Wörter aufgrund der Beobachtungen bei anderen, gesicherten Entwicklungen nahe, daß die Römer ein Wort *CARONIA kannten, obwohl dieses Wort im überlieferten lateinischen Wortschatz nicht belegt ist.
Es gibt unzählige Wörter, die damals gebräuchlich gewesen sein müssen, aber in den schriftlichen Dokumenten keine Spur hinterlassen haben,.
Weitere Beispiele: z.B. ausare (wagen - vgl. franz.: oser), captiare (jagen), cominitiare (beginnen), coraticum (Mut), misculare (mischen), nivicare (schneien).
Durch Erschließung kommen wir auch auf das vulgärlateinische Wort für das in allen romanischen Sprachen bekannte Wort für berühren: französisch toucher, italienisch toccare, spanisch tocar.
Diese Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft ist heute zu Recht allgemein anerkannt. Denn wenn ein Wort oder eine sonstige phonetische Erscheinung allen romanischen Sprachen von Rumänien bis nach Portugal und von Sizilien bis nach Gallien gemeinsam ist, so sind wir sicherlich zu der Annahme berechtigt, daß dieses Merkmal schon in der Reichssprache vorhanden war, auch wenn wir es in den klassischen Werken eines Cicero, o.ä. nicht finden.
Ergebnis:
Obwohl wir nur wenig Material über das gesprochene Latein besitzen, können wir uns inzwischen doch ein recht genaues Bild von der lebendem lateinischen Sprache machen.
Aus allen den genannten Quellen können wir mit Sicherheit schließen, daß das Vulgärlatein, das sich nach der Annahme des Christentums allmählich auch in der Literatur durchsetzte, schon lange vor der christlichen Ära die Umgangssprache sämtlicher Bürger des römischen Reiches war.
Natürlich entwickelte das Latein, als es sich über Nordafrika, Spanien und Gallien ausbreitete, örtliche Unterschiede.
Diese gingen zum einen auf die Sprachgewohnheiten der dort lebenden Urbevölkerung zurück, die das Latein übernahm, teilweise sind sie auf die Dialektunterschiede der römischen Ansiedler zurückzuführen.
Die römischen Soldaten, Kaufleute und Bauern, die sich in den Provinzen des Reiches niederließen, stammten aus verschiedenen Teilen Italiens und hatten so schon von Hause aus gewisse dialektische Eigenheiten.
Die Lingua Romana entwickelte so eine nordafrikanische, eine gallische und eine spanische Form.
Aber trotzdem war zur Zeit des Zusammenbruchs des römischen Reiches die Sprache Galliens und Spaniens noch im wesentlichen die gleiche. Ein Gallier und ein Spanier konnten sich so gut verständigen wie heute etwa ein Berliner und ein Schwabe.
Zusammenfassung:
Die romanischen Sprachen haben sich also nicht aus der lateinischen Literatursprache entwickelt, sondern aus dem Vulgärlatein der spätlateinischen Periode.
Beispiele: So verschwand z. B. das lat. Wort “equus” (Pferd) völlig. Es ist in keiner modernen Sprache mehr nachweisbar - An seine Stelle trat das umgangssprachliche Wort “caballus” (Gaul, Lastpferd), das zur Grundlage für die romanischen Wörter für Pferd wurde (cheval, caballo).
In ähnlicher Weise gehen die romanischen Wörter für Kopf (tête, testa) nicht auf das hochlateinische “caput” zurück, sondern auf den umgangssprachlichen Ausdruck für Kopf: “testa” (wörtlich “Schale").
Anmerkung: Ähnlich war die Wortentwicklung übrigens beim deutschen Wort “Kopf”: Bis etwa 1500 n.Chr. wurde es nur im Sinne von Becher, Schale benutzt.
Althochdeutsch: kopf, cuph , mittelhochdeutsch koph, kopf = Becher, (Hirn-)Schale, vom latein. Wort cuppa = Becher (vgl. engl. cup Becher, cop Spitze)
Erst im 16. Jahrhundert trat es an die Stelle des bis dahin für den Körperteil benutzten Wortes “Haupt” (german. houb-t, vgl. engl. head)
Die Wortentwicklung bzw. der Bedeutungswandel folgten also einem ähnlichen Muster:
lat. testa (Schale) wird zu franz. tête (Kopf); ahd. kopf (Schale, Becher) wird zu neudeutsch Kopf (Kopf)
Folgende Quellen des Vulgärlateins sind für die Erforschung des Vulgärlateins besonders wichtig:
1.
Im Satyricon (von Petron, gest. 66 n. Chr.), einem realistischen Roman, ist vor allem die Cena Trimalchionis von Bedeutung, in denen Petron vulgärlateinische Elemente zur Personencharakterisierung benutzt: Der Gastgeber Trimalchio ist ein Emporkömmling, ein freigelassener Großschieber, an dessen Tisch sich eine ziemlich ordinäre Gesellschaft versammelt, deren Latein immer vulgärer wird, je betrunkener die Gäste werden.
2.
Die Graffiti von Pompeji, die durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. verschüttet und so für die Nachwelt erhalten wurden, sind das getreueste Abbild der gesprochenen Sprache, das uns überliefert ist, weil sich in ihnen einerseits der Alltag und die Alltagssprache einer Provinzstadt spiegelt und hier auch völlig ungeübte Schreiber am Werk waren, die die klassische Norm weder beherrschten noch anstrebten.
Beispiel: Comicius Restitutus cum fratre ic (statt hic) stetit. - Hier stand C.R. mit seinem Bruder
In den Graffiti von Pompeji zeigen sich deutliche Anzeichen für den Verfall des lat. Kasussystems, z.B. der Ersatz des Ablativs durch den Akkusativ nach bestimmten Präpositionen (cum iumentum) oder die Verwechslung von Ablativ (zur Angabe eines Ortes) und Akkusativ (zur Angabe einer Bewegungsrichtung): in conventu veni.
3.
Aus dem Jahr 115 n. Chr. stammt eine sehr wichtige Quelle: Mehrere auf Papyrus geschriebene Briefe eines einfachen Soldaten aus Ägypten, Claudius Terentianus, der wahrscheinlich aus Norditalien oder Gallien stammte und aus Alexandria an seinen Vater schreibt, und ein Brief des Vaters an seinen Befehlshaber.
Diese Briefe bezeugen ein bereits fortgeschrittenes Stadium der Entwicklung des Vulgärlateins:Misi tibi, pater, per Martialem imboluclum concosutum in quo habes amicla par unu, amictoria par unu, sabana par unu, saccos par unu, glabalum ligni. Emeram aute illuc con culcitam et pulbino, et me iacentem in liburna sublata mi sunt.
Et abes in imboluclum amictorium singlare, hunc tibi mater mea misit. Et accipias caveam gallinaria in qua habes sunthesis vitriae et phialas quinarias par unu et calices paria sex.
Ich habe dir geschickt, Vater, durch Martial, ein versiegeltes Paket, in dem du ein Paar Mäntel hast, ein Paar Halstücher, ein Paar Leinentücher (Handtücher), ein Paar Säcke, ein Feldbett aus Holz. Ich hatte es mit Matratze und Kissen gekauft, und während ich auf dem Schiff schlief, hat man sie mir gestohlen. Und in dem Paket hast du auch einen dünnen Mantel, den schickt Dir meine Mutter .Und du empfängst einen Hühnerkäfig, darin ist ein Service (Tassen) aus Glas und ein Paar Flaschen von fünf Maß, und sechs Paar Gläser.
Hier ist nun das Kasussystem noch ein deutliches Stück weiter „aufgeweicht“. Die Akkusative werden zwar noch geschrieben, aber nicht immer: So dann nicht, wenn sie aufgrund der Appositionen überflüssig sind: par unu und bei caveam gallinaria.
Zu beachten ist auch der Gebrauch des Akkusativs statt des Ablativs: con culcitam, me iacentem, in imboluclum.
In der Zeit vom 1. zum 2. Jh. wird der Ablativ (einfacher Ablativ und Ablativ nach Präpositionen) völlig vom Akkusativ verdrängt. Lautlich fallen die beiden Kasus ohnehin in den meisten Fällen zusammen (s.u.).
In den Papyri ist auch die Form illei (Dativ fem.) zum ersten Mal belegt, die in ital. lei weiterlebt.
Für Interessierte: ein weiteres schönes Beispiel
Und zur Vertiefung: ein umfangreiches Werk
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